"Was zählt ist eine gute Nachbarschaft" - Interview mit einer deutsch/eritreischen Familie

Aus keinem Land Afrikas kommen so viele Geflüchtete nach Europa wie aus Eritrea - sie fliehen vor Zwangsarbeit, unbefristetem Militärdienst und willkürlichen Inhaftierungen. (Bild: Wikipedia)
Aus keinem Land Afrikas kommen so viele Geflüchtete nach Europa wie aus Eritrea - sie fliehen vor Zwangsarbeit, unbefristetem Militärdienst und willkürlichen Inhaftierungen. (Bild: Wikipedia)

Beitrag von Claudia Hüttermann

In Ausübung meines Berufes als Sozialpädagogin lerne ich tagtäglich unterschiedliche Menschen und deren Lebensgeschichten kennen, die von bizarr bis todtraurig reichen und Menschenleben in die eine oder andere Richtung prägen.

Im Rahmen des diesjährigen Caritas-Sonntags zum Thema "Zusammen sind wir Heimat" habe ich die Möglichkeit gehabt, das folgende Interview mit Mutter und Sohn einer deutsch/eritreischen Familie zu führen.

 

Zur Information: Eritrea ist ein Staat im nordöstlichen Afrika. Er grenzt im Nordwesten an den Sudan, im Süden an Äthiopien, im Südosten an Dschibuti und im Nordosten an das Rote Meer. Nach dreißigjährigem Befreiungskrieg vom Nachbarland Äthiopien feierte Eritrea 1993 seine Unabhängigkeit. Seitdem wird es politisch von der autoritären Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit dominiert. Präsident des Einparteiensystems ist seither Isayas Afewerki.

 

C.H.: Warum haben Sie ihr Herkunftsland verlassen müssen?
N.A.: Im Alter von zwei Jahren trennten sich meine Eltern und ich wuchs bei meinen Großeltern mütterlicherseits auf. Meine Mutter und auch mein Vater flohen während des Krieges in den Sudan, wo mein Vater bis heute lebt. Ich konnte ihn vor einigen Jahren kennenlernen.
Meine Mutter hat mich im Alter vo 12 Jahren zu sich und ihrer „neuen Familie“ nach Deutschland geholt. Die erste Zeit war sehr schwer für mich, aber ich habe die Sprache durch gute Lehrer schnell lernen können. Ich bin dann wegen des großen Heimwehs für drei Monate nach Eritrea zurückgekehrt, um mich dann für Deutschland als neues Heimatland zu entscheiden.
C.H.: Was haben Sie dadurch verloren?
N.A.: Mein Zuhause - und damit meine ich nicht ein Haus und nicht mal so sehr eine bestimmte Umgebung, im Krieg gibt es kein Zuhause. Im Haus meiner Großeltern hat mein Großvater ein Loch in die Erde gegraben, da stand nur ein Bett drin, das war unser Schutz vor dem Krieg. Trotz der schwierigen Situation haben wir eine tolle Kindheit gehabt, wir haben viel gelacht.
C.H.:Was vermissen Sie hier ?
N.A.: Ich vermisse die Nachbarschaft. In Eritrea ist es oft beschwerlich sich zu besuchen, wenn man weit voneinander entfernt lebt. In Deutschland ist das viel einfacher. Trotzdem leben viele Menschen hier für sich, das macht mich traurig. In Eritrea unterstützen sich die Menschen stärker, trotz z.T. widriger Verhältnisse. Eine gute Nachbarschaft ist genauso wichtig wie die eigene Familie, man hilft sich gegenseitig, man unterstützt sich. Das wünsche ich mir hier noch mehr.
C.H.: Was haben Sie hier neu gefunden?
N.A.: Menschen aus der Gemeinde haben mich hier sehr gut aufgenommen, z.B. meine „weiße Tante“!. Ein gutes Miteinander unter den Nachbarn ist sehr wichtig. Nachbarn brauchen einander.
K.A.: Ich bin der älteste Sohn und habe noch drei jüngere Geschwister. Ich bin 21 Jahre alt, in Deutschland geboren, besitze die deutsche Staatsbürgerschaf und studiere Bauingenieurwesen. Neben Deutsch spreche ich auch noch zwei regionale Sprachen aus Eritrea.
C.H.: Welches ist ihr Heimatland?
K.A.: Eigentlich fühle ich mich eher staatenlos. In Eritrea fragen mich die Menschen, wer ich bin , woher ich komme, ich bin „anders“. Ich habe keine Ängste gegenüber der Polizei. Die eritreische Bevölkerung hat Angst vor Kontrollen, denn Sie können Verhaftungen nach sich ziehen. In Deutschland bin ich Ausländer, Menschen möchten sich im Zug oder im Bus nicht neben mich hinsetzen. Anfangs habe ich den Kontakt gesucht, jetzt nicht mehr.
C.H.: Was vermissen Sie ?
K.A.: Die Menschen in Eritrea sind „wacher“ zu ihrem Gegenüber.
C.H.: Was wünschen Sie sich?
K.A.: Ich wünsche mir mehr Ehrenamt, mehr Aufklärung über die unterschiedlichen Kulturen und Religionen, die hier in Deutschland leben. Der erste Schritt ist oft schwer, aber durch Begegnung lernen wir uns besser kennen und werden offener.
Für mich steht Freundschaft an erster Stelle. Ich würde mich freuen, wenn die Menschen, die mit mir in der Gemeinde leben, mich offen fragen, wie ist dass bei euch? Warum ist das so und ist das überhaupt so und wozu?
C.H.: Herzlichen Dank Euch beiden für das Interview.